Aktueller Impuls

Allerheiligen und Allerseelen

Liebe Mitchristen,

Die Zeit, die vor uns liegt scheint uns düster. Nicht nur die kurzen Tage und die länger werdenden Abende - es ist auch die ganze Natur, die uns daran erinnert, dass alles, was lebt, kein Leben ohne Ende hat. Tage der Erinnerung an die Toten stehen uns bevor. Wir gedenken bald im Allerseelengottesdienst und bei Gräberbesuchen all derer, die uns vorangegangen sind.

Als Christen feiern wir aber auch an Allerheiligen und in diesen Novembertagen, dass wir mit Jesus Christus mit unserem Tod in eine neue Welt hineingeboren werden. Wir feiern den Tod als Geburt in ein neues Leben hinein. Die Kirche freut sich und gedenkt aller, die ihr Ziel bei Gott erreicht haben. Allerheiligen ist sozusagen die strahlende Seite der Münze, die am Allerseelentag umgedreht wird. Dann rücken uns die unmittelbar Verstorbenen nahe.

 

Eine Mutter erwartete Zwillinge. Die Wochen vergingen und die Zwillingskinder wuchsen heran. In dem Maß, wie ihr Bewusstsein sich entfaltete, steigerte sich ihre Freude. „Sag, ist es nicht großartig, dass wir leben?“

Die Zwillinge begannen, ihre Welt zu entdecken. Aber als sie die Nabelschnur fanden, die sie mit ihrer Mutter verband, riefen sie erstaunt: „Wie groß ist ihre Liebe, dass sie ihr eigenes Leben mit uns teilt!“ Die Wochen vergingen. Da merkten sie plötzlich, wie sehr sie sich verändert hatten. „Was soll das heißen?“, fragte der eine. „Das heißt“, antwortete der andere, „dass unser Aufenthalt in   

dieser Welt bald seinem Ende zugeht.“ „Aber ich will gar nicht gehen“, erwiderte der eine“, ich möchte für immer hier bleiben.“ „Wir haben keine andere Wahl“, entgegnete der andere, „aber vielleicht gibt es ein Leben nach der Geburt.“

„Wie könnte das sein?“, frage zweifelnd der erste, „wir werden unsere Lebensschnur verlieren. Wie sollen wir ohne sie leben können? Und außerdem haben andere vor uns diesen Schoß verlassen, und niemand von ihnen ist zurückgekommen und hat uns versichert, dass es ein Leben nach der Geburt gibt. Nein, die Geburt ist das Ende.“

So wie der eine von ihnen in tiefem Kummer sagte: „Wenn die Empfängnis mit der Geburt endet, welchen Sinn hat dann das Leben im Mutterleib? Es ist sinnlos. Womöglich gibt es gar keine Mutter hinter allem.“ „Aber sie muss doch existieren“, protestierte der andere, „wer sonst hätte uns ernährt um am Leben gehalten?“

„Hast du je unsere Mutter gesehen?“, fragte der eine, „womöglich lebt sie nur in unserer Vorstellung. Wir haben sie uns erdacht, weil wir dadurch unser Leben besser verstehen können.“

 Und so waren die letzten Tage im Schoß der Mutter ausgefüllt mit vielen Fragen und mit großer Angst. Schließlich kam der Augenblick der Geburt. Als die Zwillinge ihre Welt verließen, öffneten sie die Augen. Was sie sahen und erlebten übertraf ihre kühnsten Träume.

 

Nein, die Frage nach dem „danach“ können wir nicht stichhaltig im Sinne einer Ortsbeschreibung beantworten, Zweifel können uns nie ganz genommen werden und zurückgekommen ist bisher auch noch niemand.

 

Aber durch die Auferweckung Jesu ist uns eine Zukunft zugesagt, die unsere kühnsten Erwartungen übertreffen wird. Die Heiligen verweisen uns an die Welt, in der sie ihr Leben mit Freude gelebt haben und in der sie Gottes frohe Botschaft tatkräftig weitergegeben haben. Diese Hoffnung kann uns nicht alle Fragen und Ängste nehmen, doch eröffnet sie eine Perspektive.

 

Allerheiligen ist das Fest der Gesamtkirche, es ist das Fest der pilgernden, aber auch der vollendeten Kirche. Auf diese Weise wird eine innige Verbindung zwischen Himmel und Erde hergestellt. Dieses Fest erinnert uns daran, dass trotz aller Unvollkommenheit, allen Leides, trotz unserer Fehler alles heil wird, wenn wir darauf vertrauen und die Weisungen Jesu als Orientierungshilfe annehmen.

Ihr Pastor Roy