"Dich wählte der Weg"

Liebe Schwestern und Brüder!

Beim Nachdenken, was ich Ihnen in diesem Monat schreiben könnte, fiel mir ein Wort von Dag Hammerskjöld ein:
 „Dich wählte der Weg.“  

Zuerst wurde ich stutzig. Was ich tue oder entscheide, das tue ich doch! Und nicht jemand anderer.  Welchen Beruf ich wähle, das ist doch meine Sache! Da sollen andere sich raushalten. Oder mit wem ich mich anfreunde, das geht doch niemand etwas an; nur mich selbst und meine Freundin. Oder welche Frau/Mann ich dann später heirate, das ist doch wohl meine Sache. Wenn z. B. Eltern da reinreden würden, dann geht es ja von vornherein schief.  Und doch: Dag Hammerskjöld – ein bedeutender Politiker der Uno in den 60er-jahren, der sicher oft selbst Entscheidungen treffen musste - hat offensichtlich auch andere Erfahrungen gemacht. 
„Dich wählte der Weg.“ 

In ganz bedeutenden Angelegenheiten hatte er offensichtlich das Gefühl, als wenn ein Anderer seine Wege führte.  Aber gibt es das nicht auch bei uns selber? Wenn man älter geworden ist und dann auf sein Leben zurückblickt, kann man vielleicht auch das Gefühl haben. Da ist manches anders gelaufen, als ich mir das gedacht hatte oder gewünscht habe, aber dann ist es doch ganz anders gelaufen. Als wenn ein anderer meine Wege geführt hat. Das kann manchmal auch sehr schwer werden. Wenn jemand entdecken muss, das er eigentlich einen ganz falschen Beruf hat und er jetzt damit nicht zurechtkommt. Oder wenn es mit dem Traumpartner/Traumpartnerin überhaupt nicht klappt. Manchmal müssen dann andere Wege gegangen werden. 
Oder wenn man von einem schweren Schicksal getroffen wird.  Dann kann es einen Menschen völlig aus der Bahn werfen. Land unter. 
„Dich wählte der Weg.“  
Im Augenblick, wo man sich aus der Bahn geworfen fühlt, mag dieses Wort einem vorkommen wie blanker Zynismus. Aber nach einer langen Zeit des Haderns, wenn sich die Staubwolken gelegt haben, oder eben auch im Alter, könnte es nicht sein, dass man den Eindruck bekommt: Als wenn es alles so hätte sein müssen? Das sich ahnungsvoll wie aus einem Nebelschwaden doch Lichtpunkte sich abzeichnen. Nicht das das Schreckliche, was gewesen ist, sich wieder auflöst – das tut es meistens nicht. Aber man sieht, auch das ist Teil meines Lebens. Dass man erkennt, ach dieses gehört auch zu mir – ist Teil meines Lebens.
 „Dich wählte der Weg.“ 
 Dieses Wort lautet im Tagebuch vollständig so: „Anderer Weg hat Rastplätze in der Sonne, sich zu begegnen. Aber dieser Platz ist der deine, und es gilt jetzt. Jetzt darfst du nicht versagen. Weine, wenn du kannst, weine, doch klage nicht. Dich wählte der Weg und du sollst danken.“   Dieses Wort kannte ich schon seit meinem Studium. Johannes Bours legte uns in seinen Vorträgen verschiedene Worte vor, unter anderem auch Texte aus dem Tagebuch von Dag Hammerskjöld. Ich kaufte mir dieses Buch und fand darin vieles, das mich sehr interessierte. So auch das oben genannte Wort. Damals las ich es, verstand es aber nicht, es kam mir eigenartig vor, und/ aber ich habe es behalten. Jetzt begegnete mir diese Wort wieder in einer Sammlung von bedenkenswerten Worten von Abt Odilo Lechner („Weite dein Herz“, Wilhelm Heyne Verlag S. 22). Jetzt, in meinem Alter von 71 Jahren, las ich das Wort mit ganz neuen Augen. Und ich verstand es sehr viel besser. 
 
Liebe Schwestern und  Brüder!
 Von ganzem Herzen wünsche ich Ihnen noch einen schönen September.
 Ihr  
Werner Jörgens